Freetown und andere Unwahrheiten

Freetown und andere Unwahrheiten

– – – Ein Beitrag, den ich vor über drei Monaten verfasst aber bisher nicht veröffentlicht hatte – – –

Endlich habe ich es geschafft! Das dachten sich auch die Sklaven, als sie aus Amerika und Großbritannien nach Afrika zurück kehrten und frei waren. So kam es zum neuen Namen der Stadt, die heute die Hauptstadt des Landes ist: Freetown, die Stadt der Freien.

Etwa 11 Jahre dauerte es für mich diese Stadt endlich sehen zu dürfen. Direkt am Meer gelegen, ja tatsächlich zunehmend im Meer, und sehr bald auf hohe Berge ansteigend bildet sich ein eigentlich wunderschönes Panorama. Eigentlich war die feuchteste Hauptstadt der Welt für 10.000 Menschen gegründet worden. Heute wuseln sich in den engen Straßen jedoch mehr als 1 Millionen. Siedlungen wurden auf die einst tropischen Berghänge gebaut und weil dort kein Platz mehr ist wird längst auch im unbefestigten Küstenbereich massiv gebaut. Die sogenannten “Bays” entstanden. Und mit ihnen eine krasse Zweiklassengesellschaft.

Sechs Monate Regenzeit mit häufig monsunartigem Platzregen über Stunden und Tage hinweg fordert Mensch und Natur heraus. Die Wassermassen suchen sich den Weg die steilen, bebauten Berghänge hinab durch den Stadtkern, durch den Bay bis in das Meer. Dabei sammelt das Wasser allen Unrat auf und deponiert ihn im Bay. Dort entstehen große Flüsse aus stinkendem Schmutzwasser. Die Menschen im Bay bauen ihre Hütten aus Wellblech auf bis zu 10m hohen Bergen aus Müll. Ihre Toilette ist der Fluss. Darin waschen sie außerdem zum Teil ihre Kleidung und natürlich sich selbst. Die Kinder spielen begeistert darin oder suchen im Müll nach Brauchbarem.

Doch auch die bewohnten Berghänge sind nicht sicher. Der Kahlschlag hat den Bergen den Halt genommen, die die schweren Häuser kaum noch halten können. Im vergangenen Jahr gab es bereits einen Hangrutsch, der ein ganzes Viertel der Stadt den Berghang herabgespült hat und über 600 Menschen unter sich begrub.

Ich gehe meist ganz hinunter in den Bay. Tatsächlich muss man das letzte Stück steile Felsen hinabsteigen, die zuvor einen beeindruckenden Blick über die Dächer des Slums hinweg ermöglichen. Mit jedem Schritt wird der Geruch von Fäkalien, Unrat und stehendem Schmutzwasser größer. Aber auch der Lärm spielender Kinder oder der Ruf des Muezzin schallen mir zunehmend entgegen. Ich liebe es hier herabzusteigen. Die Menschen sind zumeist sehr freundlich und freuen sich über Abwechslung und ein wenig Unterhaltung. Besonders die Volksgruppe dessen Sprache ich gut spreche ist angetan und regelmäßig wortlos, wenn der “White man” zu ihnen in den Dreck kommt und auch noch ihre Sprache spricht.

Die Kinder rufen mir aus allen Ecken und Gassen des Slums “Alé Alé” entgegen. So heißt ein Programm, das “Word Made Flesh” jeden Samstag mitten im Slum anbietet und zu dem wöchentlich über 300 Kinder kommen. Es nimmt sie heraus aus dem Alltag. Hier dürfen sie Kinder sein, erhalten ein gekochtes Ei als Proteinlieferant, Aufmerksamkeit, sie singen gemeinsam und können von Jesus hören. Die Eltern schicken die Kinder gerne dort hin. Es sind junge Erwachsene, die selbst im Slum leben, die das Programm durchführen. Dennoch standen ursprünglich “Weiße” hinter dem Beginn aller Arbeit. Und da sich säkulare Organisationen kaum in den Slum hineintrauen, vermuten die Kinder – nicht zu Unrecht – hinter jedem Weißen einen Mitarbeiter für ihr Samstagsprogramm.

Nein, im Slum die Menschen sind nicht wirklich frei, wie es der Name Freetown andeuten mag. Ein Bewohner des Bay wird von der Gesellschaft gemieden, grundsätzlich auch von den einheimischen Gemeinden, egal, ob muslimisch, evangelisch, katholisch oder gar buddhistisch. Trotz des großen Herzen, das die Slumbewohner haben. Ihre Chancen auf ein normales Leben ersticken in Schmutzwasserkanälen, in Krankheiten, im Marijuanakonsum, in Gewalt und sexuellem Missbrauch. Opfer werden dabei schon jüngste Kinder im Vorschulalter – häufig nicht durch Slumbewohner sondern von den “Reichen”, die den Slumbewohnern wenig Rechte einräumen und für wenig Geld mit jeder Straftat davonkommen. Neben täglichen Kinder- und Jugendprogrammen direkt oberhalb des Bay werden daher auch Präventionsprogramme zum Selbstschutz für die Kinder und ihre Familien angeboten aber auch Unterstützung (seelsorgerlich, ärztlich und gerichtlich) wenn ein Kind Opfer – meist sexueller Gewalt – wurde.

Ich werde leider nicht lange bleiben können. Viele Kinder im Slum und Jugendliche des Jugendzentrum haben mich so schnell ins Herz geschlossen – und ich besonders sie und ihre Familien auch. Was ich erleben darf begeistert mich. Junge, einheimische Erwachsene kümmern sich mit großer Leidenschaft, Liebe und eigener Opferbereitschaft (Zeit und Geld) um über 400 Kinder und Jugendliche. Sie schenken ihnen einen sicheren Ort zum Spielen, ein offenes Ohr zum Reden, ein Essen für den Leib und eine riesige “Familie”, die zusammenhält. In den vergangenen 11 Jahren habe ich viele großartige Dienste quer durch den afrikanischen Kontinent kennenlernen dürfen. Doch dieser begeistert mich mit am meisten.

Auch im Inland konnte ich großartige Dienste kennenlernen. Ein einheimischer Pastor gründete zahlreiche Krankenhäuser, Zahnarztpraxen, Radiostationen, Landwirtschaftsbetriebe, Vereine zu sportlicher und kultureller Betätigung und vieles, vieles mehr. Ich kehrte mit großer Begeisterung und noch mehr Demut vor dem, was Afrikaner selber leisten zurück.

Kleiner Wehrmutstropfen: Als wetterfühliger Mensch bereitet mir der ständige Druck des Wetters dauerhaft sehr starke Kopfschmerzen.

Für mehr Informationen zu dem Projekt im Slum schaut doch einfach unter folgendem Link nach. Das ist englischsprachig aber es gibt auch ein eindrückliches Video dazu, das auch ohne Verständnis des Gesagten gute Einblicke schenkt. Danke auch für eure Gebete für die Kinder, Jugendlichen, ihre Familien und die einheimischen Mitarbeiter, die opferbereit und mit großem Herzen eine wahnsinnig tolle Arbeit machen!

www.wordmadeflesh.org/sierra-leone/

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